Stoppen, Spüren, Abbiegen: Wie wir Muster verändern

Wie funktioniert Nervensystem-Coaching

Die meisten meiner Coachees wissen gedanklich genau, was sie nicht mehr tun oder welches Ziel sie eigentlich erreichen möchten. Trotzdem sind sie bisher oft an der Umsetzung gescheitert. Mein Coaching-Ansatz arbeitet mit einer einfachen, aber klaren Abfolge, um bestehende Reaktions- und Verhaltensmuster langfristig neu zu trainieren: Stoppen, Spüren, Abbiegen.

Meistens reagieren wir schon, bevor wir nachgedacht haben

Die meisten Menschen, die zu mir ins Nervensystem-Coaching in St. Gallen oder online kommen, haben kein Wissensproblem: Sie haben reflektiert, Podcasts gehört, Posts gelesen und Bücher gewälzt. Viele meiner Coachees bringen viel Therapie-Erfahrung mit und haben oft selbst eine Coaching-Ausbildung gemacht.

Der Satz, den ich am meisten höre, ist: «Eigentlich weiss ich das ja, aber …» Direkt gefolgt von: «Rational macht das keinen Sinn, aber trotzdem …»

In der ersten Coaching-Sitzung mache ich den meisten Menschen klar, dass die Macht unserer Gedanken oft kleiner ist, als wir annehmen. Unser autonomes Nervensystem scannt wie ein innerer Security über die sogenannte Neurozeption konstant unsere Umwelt, unsere Mitmenschen und unseren Körper.

Kommt unser innerer Security zum Schluss, dass wir gerade unsicher oder bedroht sind, erfolgt eine autonome Reaktion. Diese Reaktion ist viel schneller als unser bewusstes Denken. Kurz: Meistens reagieren wir schon, bevor wir nachgedacht haben.

Die meisten Menschen wissen genau, was sie verändern möchten. Aber sie scheitern an der Umsetzung.
Warum Nachdenken allein Verhaltensmuster selten verändert

Deshalb ist es auch schwierig, Reaktions- und Verhaltensmuster mit Nachdenken oder Willenskraft zu verändern. Denn jedes noch so mühsame, merkwürdige oder sogar schädliche Verhaltensmuster ist aus der Perspektive unseres Nervensystems eine Strategie, die einmal erlernt wurde und die auch einmal Sinn gemacht hat.

Nehmen wir als Beispiel Perfektionismus:

Menschen, die sich als sehr perfektionistisch beschreiben, machen vieles sehr gut und sind oft sehr erfolgreich. Alles perfekt zu machen ist eine Strategie, die lange funktioniert. Bis diese Menschen an einen Punkt kommen, an dem sie beinahe daran zerbrechen, dass das, was sie tun, niemals wirklich ausreicht.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel:

Manche Menschen haben gelernt, dass ihnen Kontrolle unbewusst ein Gefühl von Sicherheit ermöglicht. Im Angesicht von Kontrollverlust, der im Alltag fast unvermeidbar ist, erleben diese Menschen einen immensen Stress.

Meine Coaching-Arbeit beruht auf der grundsätzlichen Überzeugung, dass jedes noch so merkwürdige oder mühsame Reaktions- oder Verhaltensmuster für unser Nervensystem Sinn ergibt.

Trotzdem kommen wir oft an einen Punkt im Leben, an dem wir spüren: So kann es nicht weitergehen! Nun ist es aber so: Unser Nervensystem reagiert schneller als unsere Gedanken. Es greift immer wieder auf die gleichen Strategien zurück, um Situationen zu bewältigen und sich wieder gefühlte Sicherheit zu schaffen. Die Anwendung dieser Muster ist über neuronale Verbindungen tief in unseren Körper eintrainiert.

Wollen wir Muster verändern, nutzen wir die sogenannte Neuroplastizität, um neue Muster zu trainieren.

Meine Coaching-Arbeit beruht auf der grundsätzlichen Überzeugung, dass jedes noch so merkwürdige oder mühsame Reaktions- oder Verhaltensmuster für unser Nervensystem Sinn ergibt.
Die Autobahn-Metapher: Warum unser Nervensystem bekannte Wege bevorzugt

Stell dir vor, du fährst mit dem Auto oder dem Fahrrad seit Jahren die immer gleiche Strecke nach Hause. Bis du irgendwann merkst: «Eigentlich gefällt mir diese Route gar nicht mehr.» Weil du aber weisst, dass sie funktioniert, sicher ist und du schnell nach Hause kommst, wählst du sie trotzdem weiterhin. Einfach aus Gewohnheit.

So ist auch unser autonomes Nervensystem: Es wählt immer zuerst das, was bekannt oder gewohnt ist.

In unserem Bild mit dem Auto oder Fahrrad beschliesst du schliesslich doch, eine neue Route auszuprobieren. Die alte Strecke verschwindet dadurch nicht. Aber jedes Mal, wenn du die neue Ausfahrt nimmst, wird sie ein wenig vertrauter.

Auf diesem Bild beruht meine dreistufige Methode «Stoppen, Spüren, Abbiegen». Alle meine Coachees trainieren diesen Ablauf im Laufe von acht bis zwölf Sitzungen, um ihn danach eigenständig in ihren Alltag einbauen zu können.

Wie neue neuronale Verbindungen entstehen

Sowohl unser Gehirn als auch unser autonomes Nervensystem sind lebenslang dazu fähig, neue neuronale Verbindungen anzulegen. Diese Fähigkeit wird Neuroplastizität genannt. Im Neurogespür™-Coaching arbeiten wir ein wenig wie in einem Fitness-Studio: Statt Muskeln trainieren wir neue Reaktions- und Verhaltensmuster. Und wie im Gym braucht es viele Wiederholungen, um neue Muster wachsen zu lassen.

Nervensystem Reaktionsmuster verändern
Nervensystem Reaktionsmuster verändern
Nervensystem Reaktionsmuster verändern
Schritt 1: Stoppen – automatische Stressreaktionen bemerken

Der erste Schritt ist ein imaginäres Stoppen. Um autonome Muster zu verändern, ist es wichtig, sie überhaupt einmal zu bemerken. Indem wir innerlich «Stopp» sagen, setzen wir einen neuen Zwischenraum zwischen einem Reiz und einer bisher automatischen Reaktion.

Schritt 2: Spüren – die Sprache des Nervensystems verstehen

Die meisten ungewollten Reaktions- und Verhaltensmuster passieren nicht dann, wenn wir total entspannt sind. Sondern als Teil einer Stressreaktion. Je früher und besser wir spüren können, dass uns etwas stresst, überfordert, sich unsicher oder sogar bedrohlich anfühlt, desto früher können wir anders mit der Situation umgehen als bisher. Stressreaktionen machen es schwierig, einen klaren Kopf zu behalten. Im Gegenteil: Überwältigende Gefühle können dafür sorgen, dass wir keinen Zugriff mehr auf den Bereich im Gehirn haben, der uns gute, weitsichtige Entscheidungen erlaubt. Wir sind sprichwörtlich «blind vor Wut», «gelähmt vor Angst» oder «rasend vor Zorn».

Der zweite Schritt ist das Spüren. Statt unseren Gedanken das Feld zu überlassen, die während Stressreaktionen meistens rasen, wirbeln und chaotisch sind, konzentrieren wir uns auf körperliche Sensationen, die uns dabei unterstützen können, zu verstehen, was gerade los ist.

  • Spüren wir ein Kribbeln im Körper?
  • Spüren wir eine Anspannung im Nacken?
  • Zieht es uns den Magen zusammen?

Diese Art des «In-sich-Hineinhörens» trainiert unsere sogenannte Interozeption. Eine Fähigkeit, die eng mit den Netzwerken unseres Nervensystems verbunden ist, die an Selbstwahrnehmung, Regulation und dem Erleben von Sicherheit beteiligt sind. Allein schon das Spüren kann eine regulierende Wirkung auf unser Nervensystem haben.

Schritt 3: Abbiegen – neue Erfahrungen statt alte Muster

Der dritte Schritt ist das Abbiegen. Wir sagen uns: Ok, bisher habe ich so reagiert, nun möchte ich etwas anderes tun. Das Nervensystem zu regulieren bedeutet nämlich nicht, Stress, Überforderung und unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Das Nervensystem zu beruhigen bedeutet, dass wir unseren inneren Security dabei unterstützen zu verstehen: «Alles ok hier!»

Mit dem Ablauf «Stoppen, Spüren, Abbiegen» bauen wir Schritt für Schritt eine Ressource auf, die wir in jeder Situation unseres Lebens nutzen können.
Ein Beispiel aus dem Alltag

Wir sind spät dran. Wir spüren, dass wir uns gestresst fühlen, weil wir nicht alles geschafft haben. Normalerweise würden wir jetzt einfach noch schneller gehen und versuchen, noch schnell das eine oder andere To-do zu erledigen. Wir fühlen uns dem Stress total ausgeliefert und haben das Gefühl, es wird nie besser und wir werden nie alles schaffen.

In dieser Situation können wir: Stoppen und bemerken: «Ich bin wieder total gestresst!» Dann spüren wir, wie sich unser Magen zusammenzieht und unsere Hand zittert. Statt wie bisher noch schneller zu werden (was den Stress weiterhin aufrechterhält), biegen wir ab und entscheiden: Ich atme jetzt durch, nehme einen Zug später und gehe ganz langsam zum Bahnhof. Während wir das tun, entspannt sich unser System.

Wir fühlen uns plötzlich weniger gestresst. Weil der Teil des Gehirns wieder online geht, der uns dabei unterstützt zu planen, kommt uns plötzlich die Idee, wie wir ein paar To-dos schneller schaffen können. Und plötzlich fühlen wir uns nicht mehr ohnmächtig und gestresst, sondern so, als könnten wir aktiv etwas tun, um uns besser zu fühlen.

Wie Stoppen, Spüren, Abbiegen langfristig wirkt

In der Nervensystem-Arbeit geht es oft darum, aus einer gefühlten Ohnmacht, einer Überforderung oder dem Gefühl, dem Stress ausgeliefert zu sein, herauszukommen.

Mit dem Ablauf «Stoppen, Spüren, Abbiegen» bauen wir Schritt für Schritt eine Ressource auf, die wir in jeder Situation unseres Lebens nutzen können. Dabei geht es gar nicht darum, die Situation, unsere Reaktion oder unser Gefühl zu ändern. Sondern einen neuen, alternativen Umgang für die Situation zu finden und wieder die Führung unseres Lebens übernehmen zu können.

Und am Ende ermöglicht uns dieser Ablauf, wieder bessere Entscheidungen zu treffen, besser zu priorisieren und weniger Muster zu wiederholen, die sich bereits als störend oder sogar schädlich erwiesen haben.

Fazit: Neue Wege entstehen durch Wiederholung

Stoppen, Spüren, Abbiegen ist keine Technik, die ein Problem sofort verschwinden lässt. Es ist ein Trainingsweg, der dem Nervensystem Schritt für Schritt zeigt, dass es mehr als nur eine Reaktion auf Stress, Unsicherheit und Überforderung gibt.

Je häufiger wir neue Erfahrungen machen, desto vertrauter werden sie. Und je vertrauter sie werden, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir im entscheidenden Moment nicht mehr automatisch reagieren, sondern bewusst wählen können.

FAQ – Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Stoppen, Spüren, Abbiegen?

Stoppen, Spüren, Abbiegen ist ein dreistufiger Coaching-Ansatz, mit dem wir automatische Stressreaktionen und Verhaltensmuster bewusster wahrnehmen und langfristig verändern können. Dabei lernen wir, innezuhalten, Körpersignale wahrzunehmen und neue Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren.

Kann man Reaktions- und Verhaltensmuster verändern?

Ja. Unser Gehirn und unser Nervensystem bleiben lebenslang lernfähig. Diese Fähigkeit wird Neuroplastizität genannt. Durch neue Erfahrungen und Wiederholungen können neue neuronale Verbindungen entstehen, wodurch sich Reaktions- und Verhaltensmuster mit der Zeit verändern können.

Was ist der Unterschied zwischen Verstehen und Veränderung?

Viele Menschen verstehen bereits sehr gut, warum sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Veränderung entsteht jedoch meist nicht allein durch Einsicht. Damit neue Muster entstehen können, braucht das Nervensystem neue Erfahrungen von Sicherheit, Handlungsspielraum und Selbstwirksamkeit.

In meiner Arbeit nutze ich unter anderem Konzepte aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung. Diese Modelle helfen uns, die Sprache unseres Nervensystems besser zu verstehen und einzuordnen. Sie sind keine medizinischen Diagnosen, sondern Orientierungshilfen, die komplexe Zusammenhänge verständlicher machen. Wie bei vielen wissenschaftlichen Modellen werden einzelne Aspekte weiterhin erforscht und diskutiert. Für die Coaching-Praxis haben sie sich jedoch als wertvolle Werkzeuge erwiesen, um Selbstwahrnehmung, Verständnis und Regulation zu fördern.

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