Dauerstress verstehen: Wenn die Lösung zum Problem wird

Dauerstress verstehen: Die Wippe

«Warum bin ich so gestresst?» ist in etwa 80 Prozent eine der ersten Fragen in einem Nervensystem-Coaching. Jetzt gilt es, nicht einfach nur zu «regulieren», sondern die bisherigen Strategien und Lösungsversuche zu verstehen.

Nervensystem-Regulation ist ein riesiger Trend. Es klingt verlockend, Stress einfach mit ein paar Atem-Übungen weg zu regulieren. Das ist aber nicht das, worum es in professionellem Nervensystem-Coaching geht.

Dauerstress einfach erklärt: Was im Nervensystem passiert

Unser autonomes Nervensystem sorgt normalerweise flexibel dafür, dass sich unser Organismus ständig den aktuellen Anforderungen anpasst. Wenn die Anforderungen steigen, wechseln wir in einen fokussierten, angespannten Zustand, der dafür gedacht ist, kurzzeitige Herausforderungen und Gefahren zu bewältigen.

Durch verschiedene Einflüsse, wie chronischen Stress, ein dauerhaft unsicheres Umfeld, fehlende Co-Regulation in der kindlichen Entwicklung oder anhaltende Überforderung, kann unser System dauerhaft in diesem aktivierten Spannungszustand stecken bleiben: Wir finden uns im Dauerstress wieder.

Alles stresst uns, wir kommen nicht zur Ruhe und selbst Kleinigkeiten reizen uns. Unser autonomes Nervensystem ist nicht defekt, wenn wir im Dauerstress stecken bleiben. Eigentlich macht es seinen Job, weil es eine Situation weiterhin als unlösbar, unsicher und bedrohlich erlebt.

Dauerstress heisst nicht, dass unser Nervensystem kaputt ist. Eigentlich macht es einen hervorragenden Job.
Nervensystem beruhigen: Was das wirklich heisst

Das Nervensystem zu regulieren bedeutet nun nicht, unangenehme Gefühle, Stress und Überforderung wegzudrücken. Vielmehr bedeutet regulieren, dass wir unser autonomes Nervensystem dabei unterstützen, neue Informationen zu bekommen, die signalisieren: «Die Gefahr ist vorbei, alles ok hier!»

Was ist Stress überhaupt?

Warum schaffen wir es oft nicht selbst, weniger gestresst zu sein? Um das zu verstehen, müssen wir zuerst noch einmal festhalten, was «Stress» vereinfacht gesagt ist:

Stress ist eine autonome Reaktion auf eine Situation, die unbewusst als Herausforderung, Unsicherheit oder Bedrohung kategorisiert wurde. Stress ist ein Versuch, diese Situation zu bewältigen.

Stress wird chronisch, wenn wir dauerhaft in einer Situation stecken, die unser System als nicht lösbar, bewältigbar oder anhaltend unsicher erlebt.

Nervensystem beruhigen heisst nicht, unangenehme Gefühle loszuwerden. Sondern das System dabei zu unterstützen, zu verstehen, dass keine Gefahr (mehr) besteht.
Wenn die Wippe kippt: Warum Dauerstress bestehen bleibt

Dauerstress ist nicht nur von den Umständen abhängig. Sondern von einem komplexen Zusammenspiel aus Umständen, dem Zustand des autonomen Nervensystems und den Strategien, die wir erlernt haben.

Stell dir vor, du stehst auf einer Wippe und balancierst. Normalerweise brauchen wir eine Gegenbewegung, wenn die Wippe zu stark auf eine Seite kippt.

Wenn wir Stress mit unbewussten Strategien zu bewältigen versuchen, die noch mehr Stress verursachen, ist das wie wenn wir auf einer Wippe immer noch mehr nach links gehen und schliesslich komplett kippen.

Mehr desselben Watzlawick Nervensystem regulieren
Mehr desselben Watzlawick Nervensystem regulieren
Mehr desselben Watzlawick Nervensystem regulieren
Mehr desselben: Wenn die Lösung zum Problem wird

Unser System bleibt aber nicht einfach im Dauerstress stecken. Es bringt uns dazu, ständig Strategien zu nutzen, um diesen Stress zu bewältigen. Diese Strategien haben viel damit zu tun, was wir gelernt haben und welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wir nutzen sie meistens unbewusst.

Einige Beispiele:

  • Wir haben gelernt, dass Kontrolle uns Sicherheit ermöglicht. Also versuchen wir die Situation stärker zu kontrollieren.
  • Wir haben gelernt, dass wir uns sicherer fühlen, wenn wir keine Fehler machen. Also arbeiten wir noch perfektionistischer.
  • Wir haben gelernt, dass wir sicher sind, wenn wir alles für andere machen. Also sagen wir weiterhin «Ja» zu jeder neuen Aufgabe.
  • Wir haben gelernt, dass wir einfach mehr arbeiten müssen, um sicher zu sein. Also versuchen wir viel Arbeit mit noch mehr Arbeit zu bewältigen.

Viele unbewusste Bewältigungsstrategien führen dazu, dass wir in einer stressigen Situation noch mehr Stress, Druck und Überforderung erleben. Die vermeintliche Lösung wird zum Problem und der Stress kann chronisch werden.

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick bezeichnete dieses Muster als «mehr desselben»: Wir versuchen ein Problem mit genau jener Strategie zu lösen, die das Problem langfristig aufrechterhält oder sogar verstärkt.

Nervensystem regulieren: Warum eine Gegenbewegung gefragt ist

Wenn es warm in einem Raum ist, kühlen wir ihn ab. Wenn wir frieren, ziehen wir uns warm an. Das bedeutet es, einen Zustand zu regulieren. Oft braucht es eine Gegenbewegung, um in Balance zu bleiben.

Nervensystem-Regulation funktioniert ähnlich: Unser Nervensystem braucht in einer stressigen Situation das Gefühl, eine überfordernde, überwältigende, unsichere Situation bewältigen zu können. Viele unbewusste Bewältigungsstrategien führen aber vielmehr dazu, dass wir noch mehr Stress, Druck und Überforderung im System auslösen.

Wenn wir warm haben, kühlen wir uns ab. Wenn wir frieren, ziehen wir uns an. Warum also machen wir uns oft noch mehr Stress, wenn wir schon gestresst sind?
Dauerstress reduzieren: Es geht um mehr als weniger Arbeit

Um Dauerstress zu verstehen, ist es wichtig, nicht nur die Menge an Arbeit zu reduzieren. Sondern die tief liegenden, unbewussten Reaktions- und Verhaltensmuster zu verstehen, mit denen wir unbewusst versuchen, Stress zu bewältigen. Nervensystem-Coaching bedeutet nicht einfach, das Nervensystem zu regulieren. Sondern zu lernen, neue Bewältigungsmuster zu nutzen und unserem Nervensystem über somatische Signale regelmässig zu signalisieren: «Alles ok hier!»

Stoppen, Spüren, Abbiegen: Neue Wege aus dem Stress

Im Neurogespür™-Coaching arbeiten wir mit dem Merksatz «Stoppen, Spüren, Abbiegen». Wir lernen, in einer Situation, die uns stresst, innerlich zu stoppen. Dann zu spüren, was hier gerade los ist und dann abzubiegen und eine neue, hilfreichere Bewältigungsstrategie zu nutzen, als die, die uns bisher noch mehr Stress bereitet hat.

Teil jedes Nervensystem-Coachings ist die Neuroedukation: Du erlernst Wissen über den inneren Security, aka dein autonomes Nervensystem. Wer ist meine innere Security?

Der erste Schritt ist eine Orientierungs-Sitzung, in der wir in 90 Minuten sortieren, ob und wie ein Nervensystem-Coaching dich unterstützten kann. Hier direkt zu allen Infos.

Nervensystem Modell innere Security
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FAQ – Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Nervensystemregulation?

Nervensystemregulation bedeutet, das autonome Nervensystem dabei zu unterstützen, wieder flexibel zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Ziel ist nicht, Stress zu vermeiden, sondern wieder mehr Anpassungsfähigkeit zu entwickeln und langfristig ein grösseres Stress-Toleranzfenster zu haben.

Warum komme ich trotz Entspannung nicht aus dem Stress?

Oft liegt das nicht an mangelnder Entspannung, sondern an unbewussten Bewältigungsstrategien. Kontrolle, Perfektionismus oder ständige Aktivität können den Stress ungewollt aufrechterhalten.

Kann man Dauerstress einfach wegregulieren?

Nein. Atemübungen und andere Regulationstechniken können hilfreich sein. Dauerhafte Veränderung entsteht jedoch häufig erst dann, wenn die zugrunde liegenden Verhaltens- und Reaktionsmuster erkannt und verändert werden.

Warum wird Stress chronisch?

Es gibt verschiedene, komplexe Einflussfaktoren. Stress kann unter anderem chronisch werden, wenn das Nervensystem eine Situation dauerhaft als unsicher, bedrohlich oder nicht lösbar erlebt. Dadurch bleibt der Organismus dauerhaft in erhöhter Alarmbereitschaft und verliert seine Flexibilität, zwischen An- und Entspannung flexibel hin und her zu wechseln.

Was haben Nervensystemregulation und «mehr desselben» von Paul Watzlawick gemeinsam?

Viele Menschen reagieren auf Stress mit unbewussten Strategien, die kurzfristig Sicherheit vermitteln, langfristig jedoch zusätzlichen Stress erzeugen. Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick bezeichnete dieses Muster als «mehr desselben»: Wir verstärken genau jene Lösungsversuche, die das Problem aufrechterhalten.

Literaturempfehlungen zum Thema
  • Paul Watzlawick, John H. Weakland & Richard Fisch: Lösungen – Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels
  • Deb Dana: Die Polyvagal-Theorie in der Therapie
  • Stephen W. Porges & Seth Porges: Our Polyvagal World – Wie Sicherheit und Verbundenheit unser Leben prägen

In meiner Arbeit nutze ich unter anderem Konzepte aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung. Diese Modelle helfen uns, die Sprache unseres Nervensystems besser zu verstehen und einzuordnen. Sie sind keine medizinischen Diagnosen, sondern Orientierungshilfen, die komplexe Zusammenhänge verständlicher machen. Wie bei vielen wissenschaftlichen Modellen werden einzelne Aspekte weiterhin erforscht und diskutiert. Für die Coaching-Praxis haben sie sich jedoch als wertvolle Werkzeuge erwiesen, um Selbstwahrnehmung, Verständnis und Regulation zu fördern.

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