Interozeption und Polyvagal-Theorie
Die Informationen aus unserem Inneren sowie das, was wir über unsere Sinne im Aussen wahrnehmen, tragen gemeinsam dazu bei, wie unser autonomes Nervensystem reagiert:
➡ Interozeption + Exterozeption (unsere Sinne) = Neurozeption (Maguire, 2024)
Wir wandern und sehen am Boden aus dem Augenwinkel eine schlangenartige Form. Unser Herz schlägt schneller, sofort springen wir zur Seite. Bis wir sehen: Oh, es war nur ein wellenförmiger Holzstock. Bevor unser bewusstes Denken also weiss, dass es ein Holzstock ist, hat unser Körper bereits autonom reagiert. Zum Glück, stell dir vor, es wäre eine giftige Schlange gewesen und dein Körper wäre nicht sofort zur Seite gesprungen?
Neurozeption ist ein Begriff von Dr. Stephen Porges, dem Begründer der Polyvagal-Theorie. Neurozeption ist ein unbewusster Prozess: Unser autonomes Nervensystem scannt ständig Informationen aus dem Körper, unseren Sinnen und der Umwelt und entscheidet, ob wir gerade sicher sind.
➡ Lies dazu auch den Fachartikel «Neurozeption» ➡ Lies dazu auch den Fachartikel «Polyvagal-Theorie – einfach erklärt»
Interozeption: Zusammenhang zu Depression, Angststörungen und Essstörungen
Unser Körperbewusstsein, wie und ob wir uns selbst spüren können, ist die Basis dafür, wie wir Emotionen erleben und uns selbst wahrnehmen (Craig, 2002; Seth, 2013; Barrett and Simmons, 2015).
➡ Eine eingeschränkte oder veränderte Selbstwahrnehmung wird unter anderem mit Essstörungen, Depressionen, körperlichen Beschwerden und Angststörungen in Zusammenhang gebracht (Khalsa et al., 2018; Paulus and Stein, 2010)
Dabei ist noch offen, ob die eine eingeschränkte Interozeption diesen Krankheitsbildern zugrunde liegt oder damit einher geht.
Es gibt auch Forschung, die nahelegt, dass das Training der Selbstwahrnehmung bei Beschwerden des prämenstruellen Syndroms (PMS) hilfreich sein könnte (Suzuki, Ohira, 2025).
Einfach erklärt: Warum ist Selbstwahrnehmung eine Voraussetzung für Stresskompetenz?
Unser Körper spricht ständig mit uns, aber wir verlernen zunehmend, ihm zuzuhören:
- Wir essen mehr, als wir brauchen, ohne Sättigung zu spüren
- Wir sind müde, aber erholen uns nicht
- Wir sind komplett angespannt, aber schieben das auf Büroarbeit, ohne uns zu fragen, worauf unser Körper reagiert
Körperliche Signale wahrnehmen zu können, unterstützt uns dabei, uns selbst besser zu verstehen und uns selbst besser regulieren zu können. Wenn unser autonomes Nervensystem auf Sicherheit oder Gefahr reagiert, können wir mit einer guten Interozeption bewusst wahrnehmen, was in uns vorgeht (Porges, Porges, Our Polyvagal World, 2023).
- Wir sitzen bei der Arbeit und spüren plötzlich, dass wir komplett verspannt sind. Uns wird klar, dass wir komplett im Stress arbeiten.
- Wir treffen einen Menschen und spüren, wie es uns sofort warm in der Brust wird. Wir spüren, dass diese Person sicher ist.
- Wir daten eine neue Person, aber jedes Mal vor dem Treffen mit dieser Person haben wir Magenbeschwerden. Wir denken, wir sind nur nervös und fragen uns nicht, ob das aufgrund der neuen Situation so ist oder ob unser Körper uns sagen will: Das ist gerade nicht sicher für mich.
➡ Achtsamkeits- bzw. interozeptions-orientiertes Training hat das Potenzial, junge Menschen in ihrer psychischen Gesundheit zu unterstützen, womöglich auch zur Prävention von Depression und Angst (Tymofiyeva, Slipes, Luks und weitere, 2024).
Interozeption als Basis für Stresskompetenz
Interozeptions-Training spielt in einer polyvagal-informierten Arbeit eine Schlüsselrolle für die Entwicklung von Stresskompetenz. In meinem körperfokussierten Coaching-Ansatz Neurogespür™ arbeite ich in jeder Sitzung mit dem Körperbewusstsein. In einfachen Erkundungsübungen spüren wir immer wieder nach, was in uns los ist, denn wer seine eigenen Signale früh erkennt, kann auch früher regulieren, statt erst im Dauerstress zu landen.
➡ Dabei ist es wichtig, trauma-informiert zu arbeiten: Für Menschen mit Trauma-Erfahrungen, PTBS oder Angststörungen kann das Hineinspüren in den Körper aktivierend sein. Es ist wichtig, niederschwellig, langsam und fachlich begleitet mit der Interozeption zu arbeiten.
Autistische Personen beschreiben ebenfalls oft eine eingeschränkte Fähigkeit, körperliche Signale wahrzunehmen.