Die Vagusbremse

Vagusbremse

Die Vagusbremse ist wie eine gut geölte Fahrradbremse: Wollen wir schneller fahren, löst sie sich leicht. Wollen wir wieder zu Ruhe kommen, wird sie angezogen. Haben wir eine fitte Vagusbremse, können wir auf Herausforderungen reagieren, ohne in eine Stressreaktion zu rutschen. 

Wo ist die Vagusbremse

Die Vagusbremse ist mehr eine komplexe Funktion, als ein einziger Ort im Körper. Wir bezeichnen aber den Teil des Vagusnervs, der eine Verbindung mit dem Taktgeber des Herzens eingeht, als Vagusbremse. Dr. Stephen Porges, Begründer der Polyvagal-Theorie, hat den Begriff «Vagusbremse» definiert.

Was tut die Vagusbremse?

Die Vagusbremse ist wie eine Dirigentin: Sie orchestriert den Einfluss des vorderen Astes des Vagusnervs und des Sympathikus. Sprich, sie sorgt dafür, dass wir genug Energie zur Verfügung haben, um auf Herausforderungen zu reagieren und uns dann auch wieder entspannen. So lange sie sich nicht ganz löst, können wir die sympathikotone Energie nutzen und produktiv, konzentriert und im Flow sein.

Wenn die Vagusbremse aber ganz loslässt, ist es wie auf einem Fahrrad, das einen Steilhang hinunter rast: Wir werden zu schnell und können in eine Fight-Flight-Reaktion kippen. Wir wollen kämpfen oder flüchten.

Warum ist das wichtig?

Atmen wir ein, beschleunigt löst sich die Vagusbremse leicht: Das Herz wird ganz leicht schneller. Atmen wir aus, zieht sie wieder an: Das Herz wird langsamer.

So lange die Vagusbremse gut arbeitet, sind wir auch im Auge des Sturms handlungsfähig. Wir bleiben gelassen unter Druck, finden Lösungen und sind immer noch offen für andere Menschen.

Löst sich die Vagusbremse ganz, rennen wir blind los, verlieren teilweise den Zugriff auf den Bereich im Gehirn, der für gute Lösungen zuständig ist. Und wir verlieren das Vertrauen in unsere Mitmenschen:

Wir müssen alles immer alleine machen!

 

Entwicklung der Vagusbremse

Die Vagusbremse entwickelt sich massgeblich in der frühen Kindheit. Ihre Entwicklung hängt stark von Sicherheit, Bindung und der Umwelt ab, in die ein Kind hineingeboren wird.

Wenn ein Kind erfährt, dass es sicher und versorgt ist und sich entspannen kann, wir die Fähigkeit gestärkt, zwischen Ruhe und Aktivität flexibel hin und her zu wechseln.

Ein Kind, das in einem chaotischen Umfeld gemeinsam mit Bindungspersonen lebt, die unter Dauerstress, Druck oder Ängsten stehen, erfährt, dass es nicht ganz sicher ist und eine gewisse Anspannung aufrecht erhalten muss.

Frühe sichere Bindungserfahrungen sind ein wichtiger Beitrag dazu, wie «fit» die Vagusbremse später ist.

Was die Vagusbremse schwächt

Anhaltender Stress, Isolation, traumatischer Stress, Schlafmangel, schlechte Ernährung, Substanzmissbrauch können die Vagusbremse schwächen. Die Folgen:

  • Wir überreizen schnell
  • Wir können nicht gut mit Stress umgehen
  • Wir können uns nicht mehr entspannen
  • Wir werden unruhig
  • Wir schlafen unruhig
  • Wir reagieren schnell intensiv und emotional

Die Vagusbremse kann trainiert werden

Die Vagusbremse kann wieder trainiert werden. Dafür ist eine gewisse Regelmässigkeit wichtig. Es ist wie im Fitness: Wollen wir Muskeln, brauchen wir regelmässiges Training.

Zuerst einmal ist es wichtig, gemeinsam mit fachlicher Begleitung zu verstehen, ob das autonome Nervensystem gerade in einer Stress- oder Lähmungsreaktion festhängt.

Was sich positiv auf die Vagusbremse auswirken kann:

  • Verlängerte Ausatmung: Atme auf 4 ein, auf 6 bis 8 aus
  • Kaltes Wasser im Gesicht
  • Summen, Singen, Gurgeln
  • Sichere, positive Bindungserfahrung
  • Sanfte, rhythmische Bewegung (lieber Spaziergang als HIIT-Training)

Meine Lieblingsübung

Nimm dir einen weichen Gegenstand (Kissen, Socken, Knautschi) ➡ Atme auf 4 ein ➡ atme auf 6 aus und drücke mit der Hand oder dem Fuss (wie ein Bremspedal) auf den Gegenstand ➡ Stell dir dabei vor, du bremst das Leben etwas und kommst zur Ruhe ➡ wenn du wieder einatmest, löst du den Druck auf den Gegenstand, wie ein Bremse, die du löst.

Wiederhole diese Übung 3 Mal und spüre nach. Mache Übungen immer nur, wenn sie sich gut und sicher anfühlen. Wenn es dir unwohl ist, beende die Übung. Nicht jede Übung passt zu jedem Menschen.

Summary

Die Vagusbremse ist deine Superheldin im Umgang mit Stress: Sie sorgt dafür, dass wir Power und Energie haben und uns nicht unter Druck oder gelähmt fühlen. Die Vagusbremse kann durch anhaltenden Stress oder überfordernde Erfahrungen geschwächt werden, kann aber wieder trainiert werden.

Disclaimer: Im Sinne der Verständlichkeit, werden komplexe anatomische Zusammenhänge bewusst für ein Coaching-Publikum vereinfacht dargestellt. Zum Beispiel arbeitet das autonome Nervensystem natürlich nicht allein, sondern in einem komplexen Zusammenspiel.

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Gisèle Ladner polyvagal-informierte Coachin in St.Gallen

Mein Name ist Gisèle Ladner. Ich habe meine Coaching-Praxis in St.Gallen vor rund vier Jahren gegründet. Ich bin zweifach polyvagal-informiert zertifiziert und liebe die Arbeit mit dem autonomen Nervensystem.

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