Erfühlen, erkennen, erklären, ersetzen: Wie Veränderung im Nervensystem wirklich entsteht

Nervensystem neu trainieren Veränderung

Viele Menschen verstehen sich selbst schon sehr gut. Sie erkennen ihre Muster, ihre Blockaden und die Emotionen, die sie immer wieder überfordern. Und trotzdem verändert sich wenig. Nicht, weil sie sich nicht genug anstrengen. Sondern weil Veränderung selten im Kopf beginnt. In meiner Arbeit nutze ich ein Nervensystem-informiertes Framework, inspiriert von Deb Dana und angepasst für meinen Coaching-Ansatz. Es hilft, automatische Schutzreaktionen nicht nur zu verstehen, sondern sanft zu verändern. 

Erfühlen, erkennen, erklären, ersetzen

Viele meiner Klient:innen beobachten sich sehr genau. Sie merken, welche Situationen sie stressen, welche Reaktionen immer wieder auftauchen und welche Emotionen sie überfordern. Was oft fehlt, ist ein nachhaltiger Weg, damit anders umzugehen.

Verstehen allein reicht selten aus. Veränderung braucht Erfahrung im Körper. Deshalb arbeite ich oft mit einem vierstufigen Prozess, der Sicherheit schafft und neue Reaktionsweisen ermöglicht.

Echte Veränderung braucht eine neue gelebte Erfahrung.
Schritt 1: Spüren und erfühlen

Alles beginnt in einem bewertungsfreien Raum. Menschen erzählen mir von Situationen, die sie innerlich bewegen. Von Reaktionen, Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen. Ohne Filter. Ohne sich erklären zu müssen. Manchmal begleite ich sie gedanklich direkt in die Situation hinein. Wie fühlt sich der Körper an? Wo entsteht Spannung? Was verändert sich im Atem? Manchmal geben wir dem Gefühl eine Form, eine Farbe oder ein Bild. So wird aus einem vagen Stress ein konkretes inneres Erleben.

Schritt 2: Erkennen

Im nächsten Schritt ordnen wir diese Erfahrung ein. Nicht als richtig oder falsch, sondern als Schutzreaktion des Nervensystems. Fühlt sich die Situation bedrohlich an? Entsteht Kampf, Flucht oder Rückzug? Kommt Blockade oder innere Enge auf?

Hier wird deutlich: Jede noch so störende Reaktion hatte einmal einen guten Grund. Das Nervensystem versucht immer, Sicherheit und Bindung zu erhalten. Besonders in der Kindheit lernen wir Muster, um Beziehungen zu schützen, die für unser Überleben wichtig waren.

Schritt 3: Erklären

Nun schauen wir in einem Trauma-informierten Vorgehen gemeinsam, wo dieses Muster entstanden sein könnte. Oft zeigen sich frühe Situationen, in denen Anpassung notwendig war. Gefühle zurückhalten, still sein, funktionieren, keine Grenzen zeigen. Was damals geholfen hat, wirkt heute oft hinderlich. Als Erwachsene haben wir mehr Möglichkeiten, mehr Ressourcen, mehr Wahlfreiheit.

Doch das Nervensystem reagiert weiterhin mit alten Schutzprogrammen. Diese Zusammenhänge zu erkennen, bringt meist viel Mitgefühl für sich selbst.

Schritt 4: Ersetzen

Veränderung geschieht nicht durch Wegdrücken, sondern durch neue Erfahrungen von Sicherheit. Ich arbeite häufig mit inneren Bildern, Körperwahrnehmung und sanfter Regulation. Sie helfen dem Nervensystem alte Reaktionsschlaufen zu schliessen und zu spüren: Diese Situation ist heute nicht mehr gefährlich. Manchmal entstehen neue Perspektiven auf andere Menschen. Wenn wir ihre Muster erkennen, fühlen sich Begegnungen weniger bedrohlich an. So entstehen nach und nach neue Reaktionsmöglichkeiten.

Fazit
Verhaltensmuster entstehen nicht zufällig. Sie sind Schutzreaktionen eines klugen Nervensystems. Wenn wir sie erfühlen, verstehen und mit Sicherheit neu erleben, wird Veränderung möglich. Nicht durch Druck. Sondern durch innere Sicherheit.
Ein Beispiel dieses Vorgehens aus der angewandten Praxis
Erfühlen

Eine lange To-Do-Liste fühlt sich für mich oft wie ein Gefängnis an. Wie eine Mauer aus Pflichten, die mir die Luft zum Atmen nimmt. Ich werde unruhig, suche Auswege, mache andere Dinge oder werde wütend. Nicht weil ich es nicht schaffen könnte, sondern weil sich der Gedanke an so viele Aufgaben wie Enge anfühlt.

Erkennen

Als Kind wurde ich oft in mein Zimmer geschickt. Ich war wütend, wollte weglaufen, aber konnte es nicht. Kampf und Flucht waren nicht möglich. Also blieb nur Aushalten. Der innere Stress wurde irgendwann so gross, dass ich wie gelähmt war. Dieses Gefühl taucht heute bei To-Do-Listen wieder auf.

Erklären

Ich merke, wie sehr ich mein Leben danach ausgerichtet habe, keine Grenzen mehr zu spüren. Ich schaffe unglaublich viel, gehe über meine Kräfte, rebelliere innerlich gegen Enge. Gleichzeitig werde ich bei Überforderung ängstlich, blockiert oder wütend. Die alte Geschichte läuft weiter, obwohl die Situation heute eine andere ist.

Ersetzen

Wenn ich erkenne, dass von Aufgaben und Menschen heute keine Gefahr ausgeht, verändert sich etwas. Ich beginne Grenzen nicht mehr als Mauern zu sehen, sondern als flexible Linien, die ich gestalten kann. Mein Leben fühlt sich wie ein Fluss an, der innerhalb seiner Ufer frei fliesst. Ich bin nicht mehr eingesperrt. Ich habe Wahlmöglichkeiten.

In meiner Arbeit nutze ich unter anderem Konzepte und Modelle aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung.  Diese bildhaften Modelle helfen uns, komplexe Stress- und Schutzreaktionen des Körpers einfacher zu verstehen und uns selbst besser kennen zu lernen. Sie sind Landkarten, keine medizinischen Diagnosen und keine absolute Wahrheit. In der Wissenschaft werden neurobiologische Details dieser Modelle laufend diskutiert. Für die Coaching-Praxis sind sie aber extrem wertvoll, weil sie Selbstwahrnehmung und Regulation fördern.

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Gisèle Ladner polyvagal-informierte Coachin in St.Gallen

Mein Name ist Gisèle Ladner. Ich begleite Menschen in meinem Studio in St.Gallen und online dabei, Stress, Blockaden und Überforderung mit Nervensystem-informierten Coaching-Modellen besser zu verstehen und direkt im Alltag neu damit umzugehen. In einer ersten Orientierungs-Sitzung besprechen wir gemeinsam, wie wir deine Ziele erreichen können.

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