Menschen simulieren mit KI schwierige Gespräche, Konflikte und Trennungen. Sie suchen Unterstützung bei Stress, wünschen sich Entspannung oder Lösungen für anhaltende Probleme. Wer will, kann ChatGPT sogar vorgeben, mit welcher Methode das Gespräch geführt werden soll und plötzlich scheint eine erfahrene, stets präsente «Therapieperson» gegenüberzusitzen: niemals müde, mit Zugriff auf enormes Wissen, ohne eigene Gefühle im Raum und meist wohlwollend bestätigend. Das fühlt sich für viele Menschen erst einmal hilfreich und entlastend an.
Ein Grossteil der Menschen, die zu mir ins Coaching kommen, hat bereits Therapieerfahrung. Sie kennen sich gut, hören Podcasts, lesen Bücher, konsumieren Social-Media-Content zu ihren Themen. Es fehlt nicht an Wissen. Was fehlt, ist die Fähigkeit, dieses Wissen in den Alltag zu übertragen. Nicht das Verstehen ist das Problem, sondern das Verkörpern.
Unser autonomes Nervensystem entwickelt sich parallel zu unserem Körper und es wird besonders stark durch Beziehungen geprägt, beginnend mit der Beziehung zu unseren Eltern. Es formt sich durch gelebte Erfahrung: Wie wurde auf uns reagiert? Wann fühlten wir uns sicher, wann beschämt, überfordert oder allein?
Unsere Persönlichkeit, unsere Muster und Schutzstrategien entstehen nicht im Denken, sondern im Nervensystem.
Wunden, die in Beziehung entstanden sind, brauchen auch Beziehung, um zu heilen; möglichst sichere Beziehung. Eine Beziehung, in der wir alte Erfahrungen erkennen, ihren Schmerz regulieren und neue Erfahrungen machen können.
Chatbots können Beziehung simulieren. Aber sie führen keine echte Beziehung. Es fehlen zentrale Signale, auf die unser Nervensystem unbewusst reagiert:
Mimik, Bewegung, Atem, Präsenz, feinste nonverbale Resonanz.
Nachhaltige nervensystem-informierte Arbeit entsteht dort, wo unser Nervensystem Sicherheit spürt – oft, weil das Nervensystem unseres Gegenübers diese Sicherheit ausstrahlt. Die Kapazität einer Coaching-Fachperson ist entscheidend dafür, ob sich ein Mensch im Prozess sicher fühlt.
Für manche Klient:innen ist die professionelle Coaching-Beziehung eine der ersten verlässlichen Beziehungen ihres Lebens. Sie bildet den Boden, um zu verstehen, warum jemand dauerhaft im Fight-Flight-Modus lebt und nie wirklich entspannen kann.
Nervensystem-informierte Coaching-Prozesse schaffen neue, erlebte Erfahrungen. Sie ermöglichen nicht nur Erkenntnis, sondern Integration. Viele Menschen nutzen das Intellektualisieren als Schutzmechanismus. Gespräche mit Chatbots, die immer weiteres Wissen liefern, können diese Tendenz verstärken.
Gerade in einer Welt mit scheinbar unbegrenztem Zugang zu Wissen wird eine Fähigkeit zunehmend vernachlässigt: das Spüren. Interozeption – das Wahrnehmen innerer Zustände – ist zum Beispiel grundlegend dafür, dem Nervensystem zu signalisieren: Ich bin sicher.
Und erst wenn wir diesen Zustand erreichen und nicht mehr dauerhaft im Überlebensmodus funktionieren, wird echte Veränderung möglich.

Mein Name ist Gisèle Ladner. Ich habe meine Coaching-Praxis in St.Gallen vor rund vier Jahren gegründet. Ich bin zweifach polyvagal-informiert zertifiziert und liebe die Arbeit mit dem autonomen Nervensystem.