In den letzten Jahren haben viele Coaching-Ansätze versprochen, Probleme zu lösen, Traumata zu heilen oder schnell reich zu machen. Das Problem: Nicht die Methode entscheidet, ob etwas wirkt – sondern das Nervensystem der Klient:innen. Und hier liegt ein zentrales Problem unserer Branche: Schnell. Grösser. Weiter.
Ich verstehe, wie verlockend es ist, in wenigen Sitzungen alles zu erreichen. Eine einzelne Sitzung kann helfen – aber sie kratzt nur an Mustern, die seit Jahrzehnten bestehen. Das ist ein Pflaster auf einer tiefen Wunde: hält kurz, fällt irgendwann ab.
Menschen mit blockiertem Nervensystem brauchen Zeit, Entschleunigung und Orientierung. Eine Coaching-Fachperson muss spüren, ob jemand gestresst, vermeidend, eingefroren oder blockiert ist. Coaching kann niemals One-size-fits-all sein. Jeder Mensch bringt andere Prägungen, eine eigene Geschichte – und ein eigenes Nervensystem mit.
Coaching ist «Hilfe zur Selbsthilfe». Eine Coaching-Person, die verspricht, Dinge zu lösen, verspricht eine Utopie. Als Fachperson begleiten wir Menschen dabei, selbst eine Lösung zu finden.
Bevor das möglich ist, ist es wichtig, sich orientieren zu können und neue Stabilität zu finden.
Coach:innen, die mit Buzzwords wie Narzissmus, toxisch oder Gaslighting um sich werfen, verstärken oft die Tendenz eines Menschen, sich auf das Gegenüber zu konzentrieren. Aber das Gegenüber ist nicht im Coaching-Raum. Wir können es nicht verändern. Wir können nur verändern, wie wir darauf reagieren und damit umgehen. Das erfordert Selbstreflexion.
Viele Coach:innen verkaufen die Methode, mit der sie selbst etwas geschafft haben. Aber wie schon erwähnt: One-size-fits-all gibt es nicht. Deshalb darf es nicht dabei bleiben. Konstante Weiterentwicklung gehört dazu. Der Methodenkoffer muss wachsen, damit man sich sprachlich und methodisch jedem Menschen anpassen kann.
Und das ist eine der grössten Stärken eines Menschen gegenüber jeder künstlichen Intelligenz: Echte Präsenz. ChatGPT kann Antworten liefern, aber keine echte Co-Regulation. Diese ist für uns Menschen entscheidend, um nachhaltig etwas verändern zu können.
Vielleicht der wichtigste Punkt, der sich in der Coaching-Industrie ändern muss, ist Transparenz. Die Geschichte «Ich war wie du und jetzt bin ich nur noch glücklich und steinreich» hat sich abgenutzt.
Coach:innen sind Führungspersönlichkeiten. Sie haben die Fähigkeit, Menschen authentisch voranzubringen und dabei strategisch vorzugehen. Günstige One-size-fits-all-Lösungen sind ein Einstieg. Aber echte Veränderung passiert in einer Tiefe, die ein individuelles, auf den Menschen angepasstes Vorgehen benötigt. Und das kann eine Coaching-Fachperson nur leisten, wenn genug Vor- und Nachbereitung eingeplant wird. Das schränkt die Anzahl der Coaching-Termine ein und macht eine Sitzung teurer.
Aber ehrlich: Mehrfach eine einzelne Sitzung zu buchen, ein Retreat, einen Kurs oder ein günstiges Online-Coaching summiert sich ebenfalls. Und vieles davon ist einfach ein Pflaster. Ich mag Pflaster. Aber ich möchte, dass meine Wunde darunter heilt und ich nicht ein Leben lang ein neues Pflaster draufkleben muss.

Mein Name ist Gisèle Ladner. Ich habe meine Coaching-Praxis in St.Gallen vor rund vier Jahren gegründet. Ich bin zweifach polyvagal-informiert zertifiziert und liebe die Arbeit mit dem autonomen Nervensystem.