Der Vagusnerv, die Polyvagal Theorie und warum Stress sich so unterschiedlich anfühlt

Der Vagusnerv, die Polyvagal Theorie und warum Stress sich so unterschiedlich anfühlt

In der Schule lernen wir meist, dass der Sympathikus für Anspannung und der Parasympathikus für Entspannung zuständig ist. Die Polyvagal Theorie erweitert dieses Bild und erklärt, warum Stress nicht einfach nur Anspannung ist, sondern sehr unterschiedlich erlebt werden kann. Sie zeigt, welche Rolle der Vagusnerv dabei spielt und warum unser Nervensystem manchmal flexibel reagiert und manchmal im Stress hängen bleibt.

Der Vagusnerv im autonomen Nervensystem

Der Vagusnerv ist der Haupt-Nerv des parasympathischen Systems. Er verbindet Gehirn und Körper und beeinflusst unter anderem Herzschlag, Atmung, Verdauung und unser Gefühl von Sicherheit. Über ihn laufen ausserdem viele Informationen vom Gehirn zum Kopf sowie vom Gehirn zum Körper.

Er hat gemäss der Polyvagal-Theorie zwei Äste:

  • Der vordere (ventrale) Vagusnerv-Ast, der für Verbindung, Ruhe, soziale Offenheit und Regulation sorgt.
  • Der hintere (dorsale) Vagusnerv-Ast, der bei tiefer Erholung, aber auch bei Rückzug, Erschöpfung oder Erstarrung aktiv werden kann.
Eine Stimulation des Vagusnervs hat oft zum Ziel, die parasympathische Aktivität zu fördern. Wir werden entspannter und können Stress abbauen.
Die Vagusbremse und positiver Stress

Der ventrale Vagus-Ast wirkt gemäss der Polyvagal-Theorie wie eine Bremse auf das Herz. Solange diese Bremse aktiv bleibt, fühlen wir uns grundsätzlich sicher. Wenn wir eine Herausforderung erleben, kann sich diese Bremse ähnlich wie eine Fahrradbremse leicht lösen: Das Herz schlägt schneller, wir bekommen mehr Energie, bleiben aber innerlich verbunden und stabil.

So können Zustände wie Fokus, Flow und produktives Arbeiten entstehen. Das ist der Stress, der sich oft sogar gut anfühlt.

➡ Mehr über die Vagusbremse: Die Vagusbremse – Polyvagal Akademie

Bleibt der ventrale Vagus-Ast aktiv, können wir eher Herausforderungen meistern, ohne uns gestresst zu fühlen.
Wenn Stress in Überforderung kippt

Wird die Belastung zu gross oder fühlt sich eine Situation nicht mehr machbar sondern zunehmend unsicher oder bedrohlich an, übernimmt der Sympathikus stärker. Der Körper schaltet in Kampf-Flucht-Reaktion: Herz und Atem beschleunigen sich stark, Muskeln spannen sich an, Gedanken kreisen, alles fühlt sich dringend an.

Dieser Zustand wird meist als negativer Stress erlebt.

Bleiben wir über längere Zeit alarmiert oder erleben eine plötzliche, intensive Überforderung kann das autonome Nervensystem den dritten Reaktionskreislauf den die Polyvagal-Theorie definiert, nutzen: Der dorsale Vagusnerv-Ast sorgt dafür, dass wir ab sofort Ressourcen sparen. Das kann sich als Rückzug, Blockade, Resignation und Erschöpfung zeigen.

 

Was wir im allgemeinen Sprachgebrauch als «Stress» bezeichnen, ist meistens der Zustand, der vom Sympathikus dominiert wird: Alles ist dringend.
Anhaltende Unsicherheit erleben wir eher als negativen Stress

Ein gut flexibles Nervensystem, das ausreichend Signale für Sicherheit bekommt, kann Leistung mobilisieren und danach wieder in Erholung zurückfinden. Bleibt diese Flexibilität aus, kann chronischer Stress entstehen.

Oft entscheidet nicht die Situation selbst darüber, ob wir uns gestresst fühlen. Sondern ob wir darin Sicherheit finden und sie als bewältigbar erleben. Druck und Herausforderungen, die sich anhaltend überfordernd, unsicher und endlos anfühlen, können das auslösen, was wir eher als negativen Stress erleben. 

Dazu kommt, dass wir unter einem solchen Stress eher keine wichtigen Erholungspausen einlegen oder nicht mehr zur Ruhe kommen: Der für unser autonomes Nervensystem wichtige Wechsel zwischen An- und Entspannung geht verloren. 

Fazit
Der Vagusnerv kann ein wichtiger Teil davon sein, ob Stress als Flow oder als Überforderung erlebt wird. Solange der ventrale Vagus aktiv bleibt, sind wir eher leistungsfähig und können trotzdem noch entspannen. Übernimmt der Sympathikus dauerhaft, gerät das Nervensystem in Alarm und wir fühlen uns eher getrieben.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Was ist der Vagusnerv einfach erklärt?

Der Vagusnerv ist ein zentraler Nerv des parasympathischen Systems, der Ruhe, Erholung und Sicherheit im Körper reguliert. Gemäss der Polyvagal-Theorie hat er zwei Äste, die unterschiedliche Reaktionskreisläufe modulieren.

Was bedeutet Polyvagal-Theorie?

Die Polyvagal-Theorie beschreibt drei Reaktionskreisläufe des autonomen Nervensystems auf Sicherheit, Gefahr und Lebensgefahr. Im Mittelpunkt stehen die beiden Äste des Vagusnervs, von denen der vordere (ventrale) Ast. Die drei wichtigen Prinzipien der Polyvagal-Theorie sind Hierarchie, Neurozeption und Co-Regulation.

Was ist positiver Stress?

Wir empfinden Stress eher als positiv, wenn wir uns unbewusst weitgehend sicher fühlen und der ventrale Vagusnerv-Ast aktiv bleibt. Wir fühlen uns dann innerlich stabil und Aufgaben sind bewältigbar und nicht bedrohlich.

Warum gerate ich schnell in Überforderung?

Überforderung ist ein Zeichen dafür, dass sich die Vagusbremse eher schnell löst und wir in einen Schutzzustand wechseln. Anhaltender Stress und Traumata sind nur zwei Aspekte, die einen Einfluss darauf haben, ob sich unsere Vagusbremse schneller löst.

In meiner Arbeit nutze ich unter anderem Konzepte und Modelle aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung.  Diese bildhaften Modelle helfen uns, komplexe Stress- und Schutzreaktionen des Körpers einfacher zu verstehen und uns selbst besser kennen zu lernen. Sie sind Landkarten, keine medizinischen Diagnosen und keine absolute Wahrheit. In der Wissenschaft werden neurobiologische Details dieser Modelle laufend diskutiert. Für die Coaching-Praxis sind sie aber extrem wertvoll, weil sie Selbstwahrnehmung und Regulation fördern.

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Gisèle Ladner polyvagal-informierte Coachin in St.Gallen

Mein Name ist Gisèle Ladner. Ich begleite Menschen in meinem Studio in St.Gallen und online dabei, Stress, Blockaden und Überforderung mit Nervensystem-informierten Coaching-Modellen besser zu verstehen und direkt im Alltag neu damit umzugehen. In einer ersten Orientierungs-Sitzung besprechen wir gemeinsam, wie wir deine Ziele erreichen können.

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