Chronischen Stress im Nervensystem erkennen und nachhaltig beruhigen

Chronischen Stress im Nervensystem erkennen und nachhaltig beruhigen

Stress ist eigentlich als kurzfristige Reaktion gedacht. Nach einer Phase der Anspannung sollte der Körper wieder in Entspannung zurückfinden. Passiert das nicht, bleibt das Nervensystem im Alarmmodus. Stress wird chronisch und zeigt sich im ganzen Körper.

Dauerstress im Nervensystem

Das vegetative Nervensystem ist an vielen wichtigen, autonomen Körperprozessen beteiligt. Es sorgt mit unterschiedlichen Reaktionskreisläufen dafür, dass wir auf Herausforderungen reagieren können und genug Energie dafür zur Verfügung haben.

Bleibt der Sympathikus dauerhaft dominant, leben wir anhaltend im Kampf-Flucht-Modus und finden immer schwerer zurück in eine Entspannung. Diesen Zustand erleben wir oft als negativen Stress. Wir sind unruhig, getrieben und kommen schlecht zur Ruhe.

Übererregung und Untererregung im Nervensystem

Übererregung, die vom Sympathikus gesteuert wird, ist die Reaktion, die wir typischerweise als Stress verstehen. Die Polyvagal-Theorie zeigt uns aber einen weiteren Reaktionskreislauf auf, der vom hinteren (dorsalen) Vagusnerv-Ast gesteuert wird: Die Untererregung. Wir werden zunehmend bewegungsloser und ziehen uns zurück.

Menschen fühlen sich dann oft leer, erschöpft, resigniert und haben das Gefühl, nichts mehr zu spüren.

Sowohl die Über- als auch die Untererregung sind Schutzreaktionen des autonomen Nervensystems auf Belastung, die als unsicher oder bedrohlich bewertet wird.

Übererregung ist das, was wir allgemein als eher negativen Stress bezeichnen. Die Untererregung ist aber ebenfalls eine starke Reaktion auf anhaltende Belastung und Unsicherheit.
Chronischer Stress entsteht multifaktorell

Chronischer Stress entsteht nicht nur durch aktuelle Anforderungen. Auch frühere überwältigende Erfahrungen, erlernte Muster oder eine erhöhte Reizempfindlichkeit können dazu führen, dass das Nervensystem schneller in Alarm geht und schwerer in Ruhe findet. Deshalb erleben manche Menschen Stress intensiver und länger als andere.

Menschen mit (C)PTBS, AD(H)S oder ASS beschreiben oft eine erhöhte Stressanfälligkeit, die zu chronischem Stress beitragen kann.

Mögliche Symptome von chronischem Stress

Häufige Anzeichen sind:

  • innere Unruhe
  • Schlafprobleme
  • Verspannungen
  • Verdauungsbeschwerden
  • Herzrasen
  • Gedankenkreisen
  • schnelle Reizbarkeit
  • Erschöpfung
  • Rückzug
Anhaltender Stress bringt unser autonomes Nervensystem durcheinander: Das Herz rast, wenn wir schlafen sollten, die Verdauung streikt und wenn wir Pause haben, sind wir zu unruhig, um uns zu erholen.
Ein Nervensystem im Alarmmodus

Ein Nervensystem, das dauerhaft eine Übererregung oder Untererregung aufrecht erhält, ist konstant alarmiert. Es braucht Regulation und Signale für Sicherheit um zu verstehen, dass keine Bedrohung (mehr) droht.

Um Stress zu verstehen ist es wichtig, unsere aktuelle Situation, unsere Vergangenheit und Diagnosen zu berücksichtigen. Aber auch unbewusste Bewältigungsstrategien, die unser Stress-Level hoch halten und unsere Lebensgestaltung spielen eine wichtige Rolle. All diese Dinge gehören zu nachhaltigem Nervensystem-Coaching.

Wie du dein Nervensystem nachhaltig beruhigen kannst

Zur Arbeit mit dem Nervensystem gehören immer Übungen, die dem Nervensystem Sicherheit signalisieren.

Atemarbeit: Verlängerte Ausatmung, tiefe Bauchatmung und bewusster Atem wirken direkt auf das autonome Nervensystem.

Somatische Übungen: Bewegung, Schütteln, Dehnen und Aktivieren helfen, Reaktionskreisläufe abzuschliessen.

Vagusnerv Stimulation: Kaltes Wasser, Summen, sanfte Berührungen und Körperwahrnehmung können  Regulation unterstützen.

Interozeption: Das bewusste Spüren von Herzschlag, Atmung und Körpersensationen kann vagale Aktivität stimulieren und dem Nervensystem dabei helfen, Sicherheit zu erleben.
➡ Lies hier im wissenschaftlichen Fachartikel (in Englisch) mehr über Interozeption und Vagusnerv

Regelmässige Pausen: Nicht erst entspannen, wenn alles erledigt ist, sondern mitten im Alltag.

Fazit
Chronischer Stress bedeutet eine dauerhafte Erregung des autonomen Nervensystems. Multifaktorelle Einflüsse führen zu diesem Zustand. Mit gezielter Regulation kann das autonome Nervensystem dabei unterstützt werden, wieder Sicherheit zu erleben.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Was ist chronischer Stress?

Ein Zustand, in dem das Nervensystem dauerhaft aktiviert bleibt und kaum mehr in Entspannung wechselt.

Warum habe ich trotz Pausen noch Stresssymptome?

Pausen sind ein wichtiger Teil, der uns dabei unterstützt, das Nervensystem aus dem Daueralarm zu begleiten. Wichtig ist aber auch, dass das Nervensystem ausreichend Sicherheit erlebt.

Welche Symptome sind typisch für chronischen Stress?

Unruhe, Schlafprobleme, Verspannungen, Erschöpfung, Gedankenkreisen und Reizbarkeit.

Wie lange dauert es, das Nervensystem zu beruhigen?

Das ist individuell. Wichtig dabei sind Zeit, Rhythmus und Wiederholungen.

In meiner Arbeit nutze ich unter anderem Konzepte und Modelle aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung.  Diese bildhaften Modelle helfen uns, komplexe Stress- und Schutzreaktionen des Körpers einfacher zu verstehen und uns selbst besser kennen zu lernen. Sie sind Landkarten, keine medizinischen Diagnosen und keine absolute Wahrheit. In der Wissenschaft werden neurobiologische Details dieser Modelle laufend diskutiert. Für die Coaching-Praxis sind sie aber extrem wertvoll, weil sie Selbstwahrnehmung und Regulation fördern.

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Gisèle Ladner polyvagal-informierte Coachin in St.Gallen

Mein Name ist Gisèle Ladner. Ich begleite Menschen in meinem Studio in St.Gallen und online dabei, Stress, Blockaden und Überforderung mit Nervensystem-informierten Coaching-Modellen besser zu verstehen und direkt im Alltag neu damit umzugehen. In einer ersten Orientierungs-Sitzung besprechen wir gemeinsam, wie wir deine Ziele erreichen können.

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