Vielleicht «kannst» du nicht entspannen

Warum du vielleicht nicht entspannen kannst und warum das kein Fehler ist. Verstehe dein Nervensystem und finde sanfte Wege zu mehr innerer Ruhe.

«Du solltest es wirklich einmal etwas ruhiger angehen lassen.» Ein gut gemeinter Ratschlag und für viele Menschen trotzdem frustrierend. Denn es gibt Menschen, die sich nach Ruhe sehnen und trotzdem genau das Gegenteil erleben. Sobald sie sich hinsetzen, spazieren gehen oder meditieren wollen, beginnt der Kopf zu rasen. Der Körper wird unruhig, im Bauch kribbelt es und die Gedanken springen von To-Do zu To-Do.

Ich selbst habe jahrelang gehört, ich solle mich mehr entspannen. Irgendwann habe ich angefangen, das Konzept von Entspannung zu hinterfragen. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil es einfach nicht ging. Immer war da dieses innere Getrieben-sein und das Gefühl, nie genug erledigt zu haben. Und irgendwann wurde mir klar: Das Problem war nicht mangelnde Disziplin, sondern mein Nervensystem.

Was, wenn Entspannung sich für dein System nicht sicher anfühlt?

Anspannung ist eigentlich ein Zustand, der uns handlungsfähig macht. Muskeln spannen sich an, Aufmerksamkeit steigt, Energie wird mobilisiert. Das ist eine gesunde Reaktion unseres autonomen Nervensystems.

Schwierig wird es, wenn dieser Aktivierungszustand dauerhaft bleibt. In nervensystem-informierten Modellen wird Stress als Schutzreaktion verstanden. Der Körper bereitet sich unbewusst darauf vor, mit Anforderungen umzugehen. Kann das System danach wieder in Ruhe zurückfinden, entsteht Balance. Gelingt das nicht, bleibt der Körper im Alarmmodus. Dann kann sich Entspannung plötzlich unangenehm oder sogar bedrohlich anfühlen.

Manche Modelle beschreiben, dass auf lange Aktivierung irgendwann Rückzug oder Erschöpfung folgt. Auch das ist kein Fehler, sondern ein Schutzmechanismus des Körpers.

Entspannung kann sich irgendwann nicht mehr sicher anfühlen.
Warum dein Nervensystem Ruhe mit Unruhe verknüpfen kann

Häufig entstehen solche Muster früh im Leben. Wenn ein Umfeld stark unter Stress stand, viel Kontrolle herrschte oder wenig echte Erholung möglich war, kann das Nervensystem lernen: Aktiv-sein ist normal, Ruhe ist unsicher.

Viele Menschen erleben das später als innere Getriebenheit, Konzentrationsprobleme, Aktionismus oder permanente Anspannung. Das ist keine Schwäche. Es ist ein erlernter Schutzmechanismus.

Du bist nicht «schuld», wenn du nicht entspannen kannst

Innere Unruhe ist keine bewusste Entscheidung. Viele machen sich Vorwürfe, weil sie glauben, sie müssten sich einfach mehr zusammenreissen. Doch dein Körper reagiert nicht aus Sturheit, sondern aus Schutz.

Sich zur Entspannung zu zwingen verstärkt den Stress oft noch mehr. Was wirklich hilft, ist Schritt für Schritt wieder Sicherheit im Körper aufzubauen. Nicht gegen die Unruhe zu kämpfen, sondern sie zu verstehen und sanft zu regulieren.

Fazit
Wenn du nicht entspannen kannst, machst du nichts falsch. Dein Nervensystem versucht vermutlich, dich zu schützen. Unruhe ist kein Versagen, sondern ein Signal. Mit Verständnis und passenden Tools kann dein Körper wieder lernen, dass Ruhe sicher ist. Nicht durch Druck, sondern durch Sicherheit.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Warum kann ich mich trotz Ruhe nicht entspannen?

Wenn dein Nervensystem in einem Schutzmodus ist, fühlt sich Entspannung oft nicht sicher an. Der Körper bleibt in Alarmbereitschaft, auch wenn du eigentlich zur Ruhe kommen möchtest. Das ist keine Schwäche, sondern eine automatische, erlernte Stressreaktion.

Ist innere Unruhe ein Zeichen von Stress?

Ja, häufig schon. Innere Getriebenheit, Gedankenrasen oder körperliche Unruhe entstehen oft, wenn das Nervensystem dauerhaft aktiviert ist. Oft hat das Nervensystem gelernt, dass es nur dann sicher ist, wenn wir in Bewegung bleiben. Sobald es still wird, kann sich das unangenehm und unsicher anfühlen.

Kann man Entspannung lernen?

Entspannung ist normalerweise eine flexible Bewegung, die nach Anspannung kommt. Ein Nervensystem, dasd diese Bewegung nicht mehr kennt, braucht Zeit, Rhythmus, Sicherheit und Wiederholung, Entspannung ist oft keine Entscheidung. Sie entsteht, wenn dein Körper wieder mehr Sicherheit wahrnimmt. Mit Nervensystem- informierten Übungen, Verständnis für deine Anspannung und sanfter Regulation kann dein System Schritt für Schritt lernen, Ruhe zuzulassen.

Hat das etwas mit Trauma zu tun?

Manche Menschen haben früh gelernt, dass Ruhe unsicher ist, zum Beispiel in chaotischen, unsicheren Umfeldern. Auch anhaltender Druck oder wenig emotionale Sicherheit können das Nervensystem prägen. Die Grenze zwischen Prägung und Trauma kann hier fliessend sein. In Nervensystem-orientiertem Coaching geht es darum, jetzt im Alltag mehr Ruhe zu finden und das als sichere Erfahrung zu kultivieren.

Ist Nervensystem-informiertes Coaching eine Therapie?

Nein. Coaching unterstützt aktuelle Ziele, Selbstwahrnehmung, Regulation und persönliche Entwicklung. Es ersetzt keine Psychotherapie oder medizinische Behandlung und stellt keine Diagnosen.

Wann ist therapeutische Unterstützung sinnvoll?

Wenn du unter starken Ängsten, Depressionen, Panikattacken oder akuten Krisen leidest, ist psychotherapeutische Begleitung wichtig. Coaching kann ergänzend unterstützen, ersetzt sie aber nicht. Viele meiner Klient:innen haben viel Therapie-Erfahrung oder werden von mir begleitend zu einer Therapie unterstützt.

In meiner Arbeit nutze ich unter anderem Konzepte und Modelle aus der Polyvagal-Theorie und der Stressforschung.  Diese bildhaften Modelle helfen uns, komplexe Stress- und Schutzreaktionen des Körpers einfacher zu verstehen und uns selbst besser kennen zu lernen. Sie sind Landkarten, keine medizinischen Diagnosen und keine absolute Wahrheit. In der Wissenschaft werden neurobiologische Details dieser Modelle laufend diskutiert. Für die Coaching-Praxis sind sie aber extrem wertvoll, weil sie Selbstwahrnehmung und Regulation fördern.

Möchtest du

mehr wissen?

Gisèle Ladner polyvagal-informierte Coachin in St.Gallen

Mein Name ist Gisèle Ladner. Ich begleite Menschen in meinem Studio in St.Gallen und online dabei, Stress, Blockaden und Überforderung mit Nervensystem-informierten Coaching-Modellen besser zu verstehen und direkt im Alltag neu damit umzugehen. In einer ersten Orientierungs-Sitzung besprechen wir gemeinsam, wie wir deine Ziele erreichen können.

Orientierungs-Sitzung vereinbaren

WEITERE ARTIKEL